KF*

*KF, das ist die Abkürzung für Krankenfahrt, wie ich sie auf meinem Schicht-/Tourenzettel eintrage. Meistens läuft das Taxameter nicht, es wird eine Pauschale mit der Krankenversicherung abgerechnet, die Buchhaltung ermittelt die Entfernung und rechnet den Betrag aus.

KF’s habe ich sehr selten, die Termine bei Ärzten und Kliniken sind in der Regel Tagsüber, außer bei einigen unserer Dialysekunden.

Nun, um 19:00 holte ich eine Fahrgästin (über 70) ab, es ging zur Bestrahlung zum Klinikum Reinkenheide. Die Fahrzeit betrug um diese Uhrzeit 50 Minuten, hin und zurück, zuzüglich 20 Minuten Wartezeit an der Klinik.

50 Minuten!

Genug Zeit für Smalltalk. Das Wetter.Der Zaun, welchen der Nachbar einfach einriss. Die Katze, welche nach meinem Klingeln an der Tür zusammen mit mir auf die Öffnung gewartet hatte.

Diesen Teil hatten wir schon vor erreichen der Landesstraße ad Acta gelegt!

Bequem zurück gelehnt, Sitzheizung auf Stufe 2, gedachte ich die Dame hochherrschaftlich – ich beschrieb diesen Fahrstil vorher schon – zu chauffieren, denn unser Zeitbudget war reichlich.

Die Dame hatte Anderes vor!

Wie zu Beginn meiner Taxi-Karriere, als ich viele Patienten fuhr, geschah wiederholt das Unvermeidliche. Sie brachte mich auf den aktuellen Level ihrer Anamnese, nebst derer ihrer nächsten Angehörigen.

Ich erfuhr alles über die verschiedenen Krebsarten, welche sie heimgesucht hatten und die dazu angefachten Therapien. Seit 6 Jahren wäre sie schon dabei und nun an einem Punkt, „wo sie lieber sterben, denn Leben wolle“.

Das ist dann immer der Moment, wo mein Mitgefühls-Puffer überläuft, ich glasige Augen bekomme, nach Worten ringe und mich anstrenge gefühlvoll darauf einzugehen, ohne Aufdringlich zu erscheinen.
Vollends an den Rand der Traurigkeit brachte sie mich mit dem Hinweis, ohne den Wunsch ihrer Kinder, „sie bräuchten sie noch“, würde sie schon lange nichts mehr gegen die Krankheit unternommen haben.

Vor zwei Wochen feierte mein „Alter“ seinen 87.ten und wir hatten ein ähnliches Gespräch. Er ist nicht Todkrank, aber der Überzeugung, genug gelebt zu haben und er wolle nun nicht mehr die täglichen Gliederschmerzen und Unbill seiner Unbeweglichkeit ertragen. Und da war die Parallele zu meinem Fahrgast. Ich beschwor meinen „Daddy“ bitte nicht aufzugeben, denn „ich bräuchte ihn noch“!

Er ist mein letzter lebender Vorfahr. Ich muss noch so viel von ihm erfahren, das kann dauern. Und wenn ich „nach Hause“ in den Harz käme, und er wäre nicht mehr? Ein Teil meiner selbst wäre ausradiert!

Irgendwann wird der Abschied kommen. Ich hasse es, darüber zu spekulieren!

KF’s hinterlassen Kratzer, die Spuren glätten sich jedoch beizeiten und das Leben fließt wieder in seinem gewohnten Bett!

Ich wünsche Euch einen gefühlvollen Tag!

6 Kommentare

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  1. Sieh es doch mal so:
    Die KFs vermitteln dir, wie unterschiedlich Leben sein kann. Ok, in dem Fall der KFs wohl überwiegend im negativen Bereich – obwohl es da auch sicher Schicksale gibt, die das anders sehen oder mehr Glück gehabt haben – und zeigen halt den „Kampf“ zum Lebensende auf. Der wohl die meisten so oder ähnlich heimsuchen wird, vermute ich.

    Ich kenne inzwischen auch genug, die genug vom Leben haben. Früher für mich unvorstellbar, heute für mich nachvollziehbar. Wenn man den Tag nur mittels Medikamenten übersteht, dann stellt sich sicher jeder die Frage, was daran noch lebenswert sein soll.

    Und halt auch immer die übliche Frage: Wofür lebe ich noch bzw. der Sinn des Lebens. Eine Frage, die letztlich nicht lösbar ist.

    Und auch ich frage mich an manchen Tagen, wofür ich mich hier abrackere, wo ich doch kein Fortkommen sehe. Woher ich dann den Mut/Willen nehme, doch noch weiter zu machen, weiß ich nicht. Wahrscheinlich hänge ich einfach (noch) am Leben.

    Ich finde es schwer, zu akzeptieren, dass das eigene Leben und das der Anderen/Angehörigen auch irgendwann ein Ende hat. Es ist aber nunmal Fakt. Und meist überlebt man die eigenen Eltern. So traurig einen das auch stimmt.

    Die Tode in meinem Umfeld zeigen mir immer mehr: man sollte so leben, als könne man morgen tot sein. Aber wer hält das schon durch?

    • man sollte so leben, als könne man morgen tot sein. Aber wer hält das schon durch?

      Kann ich nicht machen. Habe nicht genügend Rücklagen zum Ausgeben, zu wenig Feinde, um denen noch eben eins auszuwischen. Das wäre der reinste Stress für mich. Allein die Tagesplanung ein einziger Horror. Und dann die Ernüchterung, das ggf. wieder Alles für’n Arsch war!? Wenn der Tag jedoch irgendwann kommt, wird er einfach passieren, ohne das Jemand etwas bemerkt!
      Den einzigen Wunsch an den Tod habe ich ihm schon mitgeteilt. Wenn möglich, einfach so, kurz und schmerzlos, „mit dem Kopf in die Suppe“!

      • Vielleicht habe ich mich nur mißverständlich ausgedrückt. Mit „… man sollte so leben, als könne man morgen tot sein …“ meinte ich:
        – dass man bewußter den Tag erlebt;
        – dass man sich immer mal wieder bewußt macht, Leben ist endlich;
        – dass man das Schöne am Leben genießt und sich weniger über das Schlechte aergert (ja, ist nicht einfach);
        – dass man mal überlegt, wieviele „offene Baustellen“ (z. B. ungelöste Streite) man hat und wie man es als auf der anderen Seite des Streits Stehender sehen würde, wenn man morgen tot wäre.

        Letztlich denke ich, dass Viele das Leben zu wenig wertschätzen. Bzw. es erst wertschätzen, wenn es dem Ende sichtbar/spürbar entgegen geht.

        Und auch die Aussage deines Vater, er hätte genug gelebt, kann ja mMn nur bedeuten:
        – er ist/war bisher zufrieden mit seinem Leben, nun wird es nur noch beschwerlich.
        Wenn dem so ist, müßte das Weiterleben ihm ja eine Menge mehr Spaß bieten als es Beschwerden parat hält.

        Und mit meinem Alter hat diese Meinung glaube ich wenig zu tun. 😉

  2. Ich denke, jeder sollte frei sein zu sagen: „Jetzt ist es genug, ich höre jetzt auf!“
    Für die Angehörigen und Lieben immer schrecklich, schmerzhaft. Aber sollte man sich trotzdem dann dazwischenstellen?
    Wir reden ja hier nicht von einer schlechten Phase, Liebeskummer oder einer psychischen Erkrankung, bei der geholfen werden kann.
    Schlimme Krankheit oder hohes Alter, „lebenssatt sein“, das ist etwas Anderes.
    Unvorstellbar mir auch der Gedanke, meinen Mann um etliche Jahre zu überleben.
    Ab einem bestimmten Alter bleibt man dann meist allein.
    Und die Kinder? Bei aller Liebe: Die führen dann ihr eigenes Leben. Und für die paar Stunden Besuch hier und da soll man warten, bis die Krankheit gewinnt oder sonstwas?
    Aber eigentlich wollte ich auf das Schöne in Deinem Beitrag hinaus: Wenn jemand im Alter sagt, er habe das Gefühl, genug gelebt (nicht gelitten!) zu haben, also das finde ich, klingt wunderschön. Glücklich, zufrieden, im Frieden mit sich selbst. Das möchte ich auch mal sagen können!

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