Dialyse-Taxi-Service

Hämodialyse, die mechanische Reinigung des Blutes von Menschen, deren Nieren versagt haben.

In dieser Aussage steckt das gesamte Wissen zu dieser Problematik, welches mir bekannt war, bevor ich Taxifahrer wurde.

Und noch etwas:

Wie Nieren ausschauen, war mir bekannt. Hatte mich immer mit meiner Schwester darum gestritten, wer sie beim Schlachtefest vertilgen durfte. Zum Glück hatte jedes Schwein immer 2 gehabt! Einfach in den großen Kessel mit der Rotwurst geworfen und durchgekocht. Nur mit etwas Salz genossen, lecker! Natürlich hatte Papa vorher noch alles Fett abgeschnitten!

Mittlerweile habe ich von unseren Fahrgästen einiges an solidem Halbwissen aufgeschnappt und habe eine Vorstellung vom Leben ohne Nieren, Warten auf ein Spenderorgan und den Nebenwirkungen der Blutwäsche! Manchmal reicht die Lebenskraft auch nicht mehr aus, das hatte ich bei dem „Mühlenbauer“ Live erlebt!

In unserem Einzugsgebiet existieren 3 Dialyse-Einrichtungen.

Eine gehört zu einem Krankenhaus, die anderen Beiden nicht, es sind auf Nephrologie (Nierenlehre) spezialisierte Praxen.

Da ich seit gut 1 1/2 Jahren seltener Krankenfahrten durchführe, fehlt mir manchmal die Routine und ich stelle mich an, wie der erste Mensch!

Kam neulich in eine Privat-Praxis. Draußen hatte ich meinen Bus für die Mitnahme eines Rollstuhlfahrers vorbereitet und wollte den rausholen.

Zwischen Rezeption und Dialysefabrik sind die Türen zu. Ich bin Wohl erzogen und renne da nicht einfach rein. Eine Frau hackt Daten in einen Computer. Ich bin Luft für sie. Als sie Luft holt, fragte ich sie, ob sie in ihrem Computer sehen könne, ob der $patientsowieso leergepumpt sei.

„Das kann ich hier nicht sehen!“

Treudoof dreinschauend erhoffte ich etwas mehr Enthusiasmus zu erbitten, ich war wieder Luft.

Da kam ein Kollege und stratzte einfach so in das Hinterzimmer, ohne Gruß. Ich tat es ihm gleich.

Links saß ein kleines Hutzelmännchen, in dem erkannte ich meinen Fahrgast. Im Laufe der Jahre haben die alles aus ihm rausgefiltert, was nicht angenäht war. Immer zierlicher wurde er, schwächer und leiser.

Er musste noch auf die Waage, bevor ich ihn mitnehmen durfte, komplett mit Rollstuhl. Das Gewicht des Rollstuhls (18,1) stand auf einem Stück Klebeband an der Rückenlehne und musste mittels Kopf vom Gesamtgewicht subtrahiert werden. Danach durften wir gehen/fahren.

Neulich hatte jemand den Rollstuhl „geklautverwechselt“!
Er muss jetzt immer an die Heizung gekettet werden, während der Besitzer auf dem Folterstuhl sitzt.

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Er war an diesem Tag gut drauf. Anscheinend hat das Blut eine gute Themperatur gehabt. Das stellen die Schwestern ein. Wenn man friert heizen die an, das finde ich gut!

Einmal allerdings, vor 2 Jahren, da hatten die die Durchflussmenge wohl zu hoch eingestellt und „Hutzi“ war ins Koma gefallen. Da hörte ich aus seinem Zimmer:
„Notarzt….., Nooooootaarzt!“
Bin Seinerzeit traurig wieder abgefahren. Sie haben ihn im Krankenhaus dann schnell wieder fit bekommen. Hat mich gefreut, denn wir quatschten immer über alte Zeiten.

Ich erfuhr von ihm, er müsse wegen seiner geschwollenen Hand dringend zum Arzt. Das ewige Anpieksen hat viel Gewebe zerstört. Es sah echt fürchterlich aus.

Ein nächstes Mal gab es dann nicht mehr. Ein septischer Schock oder so etwas hatte ihn am Wochenende getötet.

Und ich hatte noch so viele Fragen, zu den guten alten Zeiten.

Wie hat es in Bessarabien gerochen? Hattest du Brüder und Schwestern?
Du wolltest mir alles über die Vertreibung durch die Russen, über die Flucht ins „Reich“ erzählen!
Ich werde mich nun anders informieren und dabei an dich denken!

Tschüss, kleiner Alter Mann, der so viel erlebt hat…….

4 Kommentare

auf “Dialyse-Taxi-Service
4 Kommentare auf “Dialyse-Taxi-Service
  1. Zu Dialyse-Patienten baut man im Laufe der Zeit eine spezielle Beziehung auf, weil es sich um Dauerkunden handelt und dem Fahrer natürlich auch jede noch so kleine Veränderung auffällt. In der Regel ist das Vertrauen so groß, das darüber gesprochen wird. Da die Zeit zu Reden durch die Fahrzeit begrenzt ist, bleiben immer Fragen offen! Immer….

  2. Pingback: Oh, wie schön ist […] | HerrTaxifahrer

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