„Ein Mann sieht Rot!“ oder „Karma is a bitch!“

Prolog:

Das Oktoberfest in Stinstedt neigte sich dem Ende zu und es herrschte Überschuss an Fahrgästen.

Ich wartete bei Branitzki auf Fahrgäste, 2 Personen ins Nachbardorf. Es waren gut 10 Minuten verstrichen, da entschied ich, die Bestellung zu ignorieren -„Wer nicht will, der hat schon!-, um mir einen der Fahrgäste aus dem großen Topf vor dem Ausgang zu ziehen:

  1. Akt

„Jemand ein Taxi?“

„Fährste mich nach $dorfweitweg?“

„Klar, steig ein!“

Wie das so ist. Da hatte ich ein schönes Schnäppchen gemacht! Es geht ja nicht immer nur ums Geld, welches es sicher lukrativer macht, sondern auch um Abwechslung. Und nur eben ins Nachbardorf wirkt mit der Zeit zermürbend auf die Moral. Immer die gleiche Strecke, immer die gleichen Sprüche der Fahrgäste -„Vorsicht, da sind jetzt immer Rehe!“ , „Machs nicht so teuer, ich bin $irgendeinunterbezahlterberufszweig!“ usw.

Also Gang rein und mit meinem „Jackpot “ losgefahren.

„Is im $disco eigentlich was los?“

„Hmmmm, ich war da in dieser Nacht noch nicht. Ich könnte eben einen Kollegen fragen!“

Irgendwie schlug plötzlich die Stimmung im Taxi um. Vorher bierselig säuselnd, nun wach und angriffslustig lospolternd, meinte mein Fahrgast:

„Normalerweise fahre ich ja nicht mit euch! Ihr seid zu teuer!“

An dieser Stelle wird es dann immer sehr, sehr langweilig, weil ich den Paragraphen aus unserer Taxiordnung, der die Fahrpreisgestaltung / den Tarif regelt, um darzustellen, das an sich alle Taxen gleichviel kosten. Auch wenn es noch nie, wirklich nie gefruchtet hat, ich kann das nicht lassen!

„Die anderen sind billiger! Ihr seid Teuer!“

Hoffnungslos weise ich auf die Tarifpflicht bei Fahrten innerhalb unseres Pflicht-Fahrgebietes hin, auch wenn mir die Erfahrung lehrte, dafür nur Hohn und Spott zu ernten.

„Ihr seid Teuer!“

2. Akt

Aus der Ferne kündigt sich das Herannahen eines Zuges durch einschalten der roten Ampeln am Bahnübergang an. Mein Beifahrer lehnt sich entspannt zurück, ich stoppe souverän an der markierten Haltelinie, schalte den Motor aus und beginne schon einmal die Strecke in meinem Fahrtbericht zu notieren.

„Läuft das Taxameter noch? Hey…., das Taxameter läuft noch! Was habe ich mit der Bahn zu schaffen? Schalte das Taxameter jetzt aus!

Ich befürchte, mein Fahrgast wird es nicht wollen, dennoch zitiere ich wieder die Taxiordnung und versuche mit Metaphern ein Sinn machendes Bild für meinen Fahrgast entstehen zu lassen, warum Wartezeit auch Arbeitszeit sei.

Don Quichote ist ein Weisenknabe gegen mich! Ich werde die Kunden aufklären,ehrlich informieren und somit ein Umfeld der vollsten Zufriedenheit in meinem Taxi schaffen!“, dachte ich während mein Sozius sämtliche Knöpfe an meinem Taxameter betätigte, die er erreichen konnte.

„Ich zahl‘ das nicht, ich zahl das nicht!“

Er kam letztendlich auch bei der Taste für den Mehrpersonen-Zuschlag an, der Fahrpreis schnellte um 5 € in die Höhe. Jetzt brachen sämtliche Dämme und er zeigte mir, das er alle wesentlichen Talente für ein „Rumpelstilzchen“ mitbrachte. Noch während er brüllend Tiraden über mich ergoss, wählte er die Nummer seines Lieblingstaxifahrers, bat zu zahlen und warf die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zu. Im Spiegel konnte ich noch sehen, wie er einige „Lufttritte“ gegen meinen Wagen machte. Tatsächlich drehte er sich dann auch einige Male im Kreis.

Meinen Augen nicht trauend setzte ich den Fahrpreis in das Feld auf meinem Bericht und sah zu, das ich Land gewann.

Schluß

Aus dem Funk hörte ich soeben, das ein Kollege meine ursprünglich verspäteten Fahrgäste -zwei hübsche junge Damen- aufgegabelt hatte. Das nächste Mal würde ich dann doch lieber eine Minute länger warten, bevor ich mir nochmal so einen “ King Louie“ an Land zöge!

 

P.S. Der Tarif ist ein Tarif, ist ein Tarif! Nicht umsonst zum gerade zum Schutze der Fahrgäste vor Übervorteilung geschaffen. Aber auch dafür, dem Taxifahrervolk ein lebenswertes Auskommen zu ermöglichen, um Dumpingpreise zu vermeiden!

Nieder mit der Selbstausbeutung! (Gilt auch für andere Berufszweige)

3 comments to “„Ein Mann sieht Rot!“ oder „Karma is a bitch!“”
3 comments to “„Ein Mann sieht Rot!“ oder „Karma is a bitch!“”
  1. Hallo Herr Taxifahrer!

    Ich bin einer der stillen Leser, seit langem auf deinem Blog unterwegs…

    Ich muss sagen als Kunde / Fahrgast finde ich die Tarifbindung in Deutschland super. Ich kann mich immer darauf verlassen das ich zu einem der Dienstleistung entsprechenden Preis befördert werde. Hier in Irland scheint das etwas lockerer ausgelegt zu werden. Ich habe seitens der Taxifahrer schon mehrfach Telefonnummern bekommen um doch das nächste mal zum fix Preis in die Stadt zu kommen da ich ja ausserhalb wohne.

    Dabei finde ich den Tarif hier sogar noch ansprechender für die Kunden selbst. Man kommt hier ~18km für 20 – 27 Euro weit… Je nach Zuschlag da hier ein Nachtzuschlag zwischen 20 und 8 Uhr draufgeschlagen wird. Sowie pro weiterer Person 1 Euro. (Nachzulesen hier: http://www.irishstatutebook.ie/eli/2017/si/458/made/en/print)

    Ich verstehe nicht woher die Meinung stammt das man ein Auto mit Chauffeur für einen spottpreis bekommen kann. In Diskussionen, welche hier auch nur zu genüge stattfinden, drehe ich das ja gerne mal um und Frage die Leute was Sie sich denn so als Entlohnung für diese Dienstleistung vorstellen, damit ist das dann meistens erledigt.

    Nur mal meine 2 cent zu der Thematik…
    Ich lese sehr gerne bei dir ist ein super Blog auch wenn ich bisher immer Still geblieben bin. Mach bitte einfach weiter 🙂

    • Hallo Max, vielen Dank für dein Statement und die Verlinkung des Tarifs! In Irland wird die Nacht- und Wochenendarbeit deutlich höher bewertet, was ich mir auch in unseren Bereich wünschte. Als Abend- und Nachtfahrer würde das endlich meine zusätzlichen Belastungen honorieren. Ob die Unternehmer das dann auch komplett an die entsprechenden Fahrer weitergäben, bliebe noch abzuwarten! Die Hoffnung stirbt zuletzt. Schöne Grüße vom Festland!

  2. Null Verständnis für solche Leute.
    Als jemand, der selbst einen Niedriglohn verdient, verstehe ich umso mehr, dass es manche Dinge halt nicht zum Billigpreis geben sollte – und das ist auch gut so.
    Taxifahrer sind geschult, nachts unterwegs um feiernde Leute nach Hause zu bringen und verdienen dafür ein angemessenes Auskommen.
    Wer das anders sieht / es zu teuer findet, kann ja nächstes Mal nüchtern bleiben und mit dem eigenen Wagen fahren. Und ganz ehrlich: Ich hab die Kohle halt nicht, entsprechend nehme ich nur ein Taxi, wenn es wirklich nötig ist. Dann zahle ich aber auch ohne meckern den Tarifpreis – der Taxifahrer ist ja nicht schuld, dass ich nicht im Geld schwimme.

    Nimm die Leute nicht so ernst, offenbar fehlt da einiges an Empathie und ökonomischem Verständnis.

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