Auf der Reeperbahn Nachts um halb eins dumdidum….

„Fahr mal Richtung $dorfbeibeverstedt, Daten schick ich dir gleich“, dröhnt es aus meinem Funklautsprecher.

Kurz darauf erscheinen auf meinem MDA die Abholdresse und Fahrtziel. 4 Personen ohne Gepäck zum Bahnhof nach Geestenseth. Um 21:00 sollte ich dort sein.

Am Straßenrand erwartete mich schon einer der Fahrgäste. „Die andern kommen gleich, der Zug fährt erst um 20:30, das schaffen wir locker“, frohlockte der in die Jahre gekommene Rocker.

„Äääh, es ist schon 9 !“, plapperte ich einfach so drauf los.

„Wie, wieso isn das schon so spät ?“, sieht er mich fragend an. Ich vergleiche noch einmal sämtliche Chronometer (Tacho, Radio, IPhone,Turmuhr, Kiosk), es half nichts, es war 9 Uhr.

Nun wurde sich versammelt und überlegt was zu tun ist. In Geestenseth fährt später an diesem Tag kein Zug mehr ab Richtung Hamburg. Man könnte über Bremen fahren, aber das kostet extra, weil die Tickets nur für die geplante Strecke galten. Und das dauert ja ewig, bis wir endlich wieder in Hamburg sind. Dann endlich die erlösende Frage an HerrnTaxifahrer:

„Ey, Alter was nimmste bis zur Reeperbahn?“

Ich warf mein NÜVI an, tippte die Reeperbahn ein, kurze Strecke über die Dörfer. 110 Kilometer waren zu berechnen. Da wir im Landkreis Preis gebunden sind, waren höchstens 190,00 € fällig. Weniger wäre möglich, aber schlecht für meinen Chef.

“ HerrFahrgast, ich würden sie für 190 kutschieren!“

„Machste 160, OK“

“ Nee, darf ich nicht, gehört zur Philosophie bei uns !

“ Stell dich nicht so an, mach 170,00 und laß die Uhr aus!“

Diese Prozedur erlebe ich mehrfach wöchentlich, aber bei diesen langen Strecken bleibt kein Gewinn über, es steht ja fest, das die Rückfahrt zu 99,99 % leer sein wird.

Die 4 versuchen eine neue Taktik. Sie steigen erst mal ein und machen es sich bequem.

„Komm, gib Gas, für 180 kannste uns gern fahren.“

“ Jetzt fahren wir erst mal schnell zur nächsten Bank und holen Geld, falls ihr nicht genug habt und dann fahre ich euch für 190.“

“ Glaubste wir sind Pleite oder was. Hier, da sind 190,00 €, nun aber los!“

Puh, endlich war der formelle Part erledigt ich nahm die Patte und lenkte Richtung Nordosten.

Die Angelegenheit mit der Bezahlung war schnell vergessen und so wurden erst mal die Zwischenstopps geplant. Es sollte eine Pinkelpause geben und einen Tankstellenhalt, um die Biervorräte aufzufüllen.

Tja, die erste von 3 PP war schon nach 20km fällig. Lag aber auch an dem Jieper nach der nächsten Fluppe. Im Taxi wird ja nicht mehr geraucht.

Es stellte sich heraus, das meine Jungs ( 35-60 Jahre) richtige Hardcore-Fans des FC St. Pauli sind, sie wohnen quasi im Stadion. Es wurde gesungen, laut und rau! Nach der Hälfte der Strecke konnte ich mich schon einreihen, und einen Kanon nach dem anderen zelebrieren.

Wie bereits erwähnt, erwecken maritime Details schon mal Urlaubsgefühle bei mir, wenn auch nur kurz. Und kurz vor dem Elbtunnel war es dann wieder soweit. Ein romantischer Sonnenuntergang im Hafen.IMG_1555Weiter durch den Tunnel und dann hart Rechts ging es weiter zur Wonnemeile.

IMG_1571Ein wenig mulmig war mir, als wir durch die verschiedenen Gassen fuhren. Überall so komische Hinweise auf verbotene Durchfahrt und so. Darauf angesprochen sagte der Leader of the Gang zu mir, das wäre normal, auswärtige Taxen hätten Welpenschutz, außerdem wären sie ja auch dabei und würden zu Not alles regeln. Die motzenden Türsteher blendete ich jetzt vorsorglich aus.

Großes „Haaallloooo“ an der Stammkneipe und Verabschiedung von Herrntaxifahrer, nicht ohne mir noch einen 10er zuzustecken, für die unfallfreie Reise.

“ Huhu, bitte wie komm ich hier wieder raus?“

„Mach dir kein Kopf, hier, der Opa ist eh fertig. Nimm ihn mit bis zur nächsten S-Bahn und schon bist du wieder auf freier Strecke.“

Ich winke noch mal, Opa geleitet mich von der großen Freiheit in die Freiheit und schon gehts wieder Richtung Heimat.

War ein schöner Kurzurlaub mit netten Leuten.

2 comments to “Auf der Reeperbahn Nachts um halb eins dumdidum….”
2 comments to “Auf der Reeperbahn Nachts um halb eins dumdidum….”
  1. flockig geschriebene story aus dem taxifahrerleben! die tricks mit dem fahrpreisverhandeln gibts auch bei uns in der obersteirischen provinz, wird verschärft dadurch, daß wir hier bei 22k einwohnern etwa 80% stammkundenanteil haben, es herrscht halt eine art großfamiliäres klima…….gottlob gibts immer wieder mal die berühmte „goldene mitte“ und ein wenig darüberhinaus……
    lg,werner

    • Hallo Werner,

      bei einigen „Stammkunden“ ist der Preis immer wieder ein Thema. Meistens nehme ich mir die Zeit (vorausgesetzt, der Fahrgast ist nicht zugedrönt) und erkläre den Fahrgästen, was am Ende für den Taxiunternehmer übrig bleibt. Oft entspricht der geforderte Rabatt nämlich ziemlich dem doppelten der Gewinnspanne. Selbst bei der Goldenen Mitte wäre nichts mehr über. Im Pflichtfahrgebiet ist Preisverhandeln eh nicht gestattet, das muss der Fahrgast schlucken, oder er sucht sich einen anderen Fahrer, der sich nicht an die Regeln hält. Wenn es nach außerhalb geht, dann Frage ich im Zweifel in der Zentrale nach, ob vielleicht gerade sowieso nichts anliegt und welcher Rabatt möglich ist. So fahre ich wenigstens meinen Stundenlohn ein und die Grundkosten. Aber einfach so verschenken würde ich auf keinen Fall etwas. Bisher brauchte ich noch keinen Leerkilometer bei meinem Chef zu rechtfertigen (Betrug/Betrugsversuch).Und das soll auch so bleiben. Bei Kollegen anderer Unternehmen hier sieht es schon anders aus, werden sie doch nicht nur nach Stundenlohn, sondern auch nach Provision bezahlt. Da schaltet schon öfter mal das Kaufmannsgehirn ab.

      Wenn wir Samstags Nachts wieder einmal mit 12 Wagen vor dem Pam Pam stehen, nutzen die Fahrgäste die Langeweile der Fahrer am Liebsten aus. Da hörst du schon von weitem, wie die die Fahrgäste für eine 50 €-Tour nur 30 bezahlen wollen. So laufen sie von Taxi zu Taxi und auf einmal klappen die Türen. Das wäre mir als Fahrer echt zu peinlich, wenn alle Kollegen dabei zu sehen, wie ich mich zu Depp mache.

      Ich rechtfertige hier schon wieder, aber der Tarif sichert mein Einkommen, das meiner Kollegen und meines Unternehmers.

      Zu diesem Bereich wird es sicher noch öfter Gesprächsstoff geben.

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