37,3 Kilometer

Das einsammeln der Fahrgäste gestaltet sich im Allgemeinen als nicht besonders kompliziert. Hier auf dem Land ist weniger Verkehr als in der Stadt und es wird reichlich Parkraum angeboten. Allerdings wohnen die Menschen hier sehr weit auseinander, das bedeutet in den Nebenzeiten – So-Do 20:00-1:00 – oftmals, das wir bis zum nächsten Fahrgast einige Kilometer fahren müssen. Selbst bei dem derzeitigen Tarif von € 2,10 pro Kilometer schaffe ich es noch immer nicht, jeden Abend auf einen Schnitt von 1 €  pro Kilometer zu kommen.

Heute hatte ich wieder ein Mustergültiges Beispiel:

  

Um 19:33 war ich „Besetzt“ nach Rechtenfleth unterwegs. Die Tour endete am Ende der Sielstrasse, dem westlichsten Punkt unseres Fahrgebietes.

Der nächste Fahrgast wartete in Frelsdorf, am Kindergarten. Über 37 Kilometer Anfahrt. Bis zum östlichsten Punkt, dem Bahnhof  Frelsdorf sind es noch 1500 Meter. Aber auch so war es ein neuer Meilenstein für meine Rekordliste!

Neben dem Kindergarten………

………steht ein kleiner Baum. Dort können sich die Kleinen von ihrem Schnuller trennen, indem sie ihn aufhängen und eine Fee ihn später abholt.

Der Schnuller-Baum!

Neben dem Seniorenheim steht ein kleiner Baum. Dort können die Alten den Löffel abgeben.

Der Löffelbaum!

Löffelnicht

So, das war jetzt nur das Warm-Up für mein heutiges Gekritzel. Hatte wieder einmal eine Seniorin vom Freigang ins Heim gefahren.

Zum Abschluss unseres Auftrages gehört es dazu, hilflose oder immobile Menschen in der entsprechenden Abteilung dem Personal zu übergeben, damit keiner vergessen wird!

Ich schubste meine Oma gerade durch den Gang zum Speiseraum, wo sie üblicherweise ausgeliefert wird, als mich von hinten, aus einem geöffneten Glaskasten heraus, ein Pfiff erreichte, gefolgt von einem herrischen Keifen:

„Die Dame muss aber nach oben, stellen sie die in den Fahrstuhl, ich kümmere mich später!“

Wie sonst üblich, stellte ich meinen Fahrgast durch Bremsen gesichert ab, verabschiedete mich höflich und versicherte, das umgehend Jemand kommen würde.

Dann schritt ich auf das Gehäuse zu, erklärte in ruhigem Ton, mit etwas übertrieben sonorer Stimmlage, das ich mittels solcher mittelalterlicher Kommunikationsansätze nicht zu erreichen sei und bat um sofortige Übernahme der Verantwortung für ihren Insassen.

Mürrisch und ohne ein weiteres Wort ging sie an mir vorbei und schob den Rolli in den Aufzug.

Mein Fehler war, das ich genau in dem Moment  ankam, als die Pflegerin endlich Zeit hatte für die Dokumentation. Sie war nämlich über irgend so einem Plan vertieft und am Ausfüllen von dem! Leider müssen die Angestellten viel Zeit mit Formsachen verbringen, die vielleicht besser für die Arbeit mit dem Patienten genutzt werden könnte.

Aber die „KASSEN“ zahlen nur, wenn jede auch noch so kleine Handreichung dokumentiert wird, statt mit pauschalen Fällen zu arbeiten. Die Kassen könnte ja einfach mehr Leute einstellen, um ggf. verdächtige Abrechnungen auf Plausibilität zu prüfen, statt das eh schon gestresste Personal der Heime zu nerven.

Ist ja schon so bei meinem Daddy, der wird zu Hause versorgt. Die Pflegekraft benötigt 15 Minuten für die „Abfertigung“ und 10 Minuten, um alles Aufzuschreiben. Ein Irrsinn.

Und wenn die Pfleger dann wieder einmal auf „180“ sind, herrschen sie den Taxifahrer an.

Ich bin aber nicht nachtragend, versprochen! Aber nur, wenn es Morgen wieder das gewohnte Lächeln gibt!

 

 

„Sagen sie, HerrTaxifahrer ist das…..

…..Old Spice oder Tabac?“

Das Ehepaar hatte gerade Platz genommen. Wie das bei nicht mehr ganz frisch verheirateten auf ‚m Dorf üblich ist, der Mann neben dem Fahrer, Sie hinten Rechts

Und dann stellte er die o.a. Frage. Er!

Und schob nach: „Ich rieche das gern, sie riechen gut!“

 

„Oou-hah! Hase!, habe ich was verpasst?“, erkundigt sich seine Ehefrau leicht echauffiert.

Bevor mir der Herr Avancen machen konnte wiegelte ich jegliches Interresse ab und Madame konnte auch wieder lachen.

Fakt: Seit ich vor Dienstbeginn reichlich „Tabac“ über mich verschütte, erhalte ich mehr/öfter Trinkgeld!

Oder ist es mein Charm?

Oder meine Souveränität?

Oder meine Ortskenntnis?

Oder meine Glatze?

Oder,oder,oder!?

 „Hase, hast du dem Fahrer auch Trinkgeld gegeben?“

„Sicher Spatz, sicher!“

So roch schon Vati! Ach nee, der nahm Hâttric!

So roch schon Vati! Ach nee, der nahm Hâttric!

Zum Nachtdienst „verdonnert“!

Wochentags schliessen wir die Taxen immer gegen 1 Uhr weg, weil der Sammeltaxi-Fahrplan in der Nacht ruht und ansonsten so gut wie kein Bedarf an Taxis besteht.

Es bleibt natürlich die Möglichkeit, einen Wagen vorzubestellen, für die unpassendsten Zeiten natürlich auch.

Und 3:45 ist so eine Zeit. Etwas zu früh für die Tagschicht, deshalb gern an mich abgegeben. Die Nacht von Donnerstag auf Freitag lief normal.

Das hiess für mich, nach der letzten Tour um 0:24, den Fernseher in unserem Recreationcenter zu besetzten, zwecks Weiterbildung und auf dem Ledersofa eine schonende, meine Arbeitskraft erhaltende Stellung einzunehmen!

So konnte ich es gut bis 3/4 Vier aushalten und kutschierte dann meine Fahrgäste zum Bahnhof, wo sie den Zug zum Flieger in den Urlaub betraten.

Foto-24

Mein Sack Reis für Heute….

Nee,ne!? Gestern erzählte mir ein Stammfahrgast, er hätte bedenken, das die Bayern um ihren Einzug in die nächste Runde zu fürchten hätten. Viel Fachwissen und so folgte, da ich kein Fußballfan bin, verstand ich nur:

„Blablahblaaaah“

Da mir dieser Ort „Donezk“ überhaupt nichts sagte, entschied ich mich auf die Seite der Bazis zu schlagen.

„Dort war der Platz sicher wie ein gepflügter Acker, genau so grob gestrickt, wie die Technik des dortigen Teams. Hier, Zuhause, auf dem englischen Rasen, werden sie mit ihrer z.Zt. unbestrittenen hohen Schule der Fußballkunst den „Russen?“ zeigen, wo der Hammer hängt!“

Na und, da gucke ich so im Google herum, um zu sehen wie es ausgegangen ist:

„7:0, Respekt!“

Da werde ich Herrn Fahrgast mal Fragen, woher er seine Tipps bezieht, damit ich da nicht drauf höre, hehe!

Sudstrade

Ich hatte mit meinem Sprinter  gerade die 1. Position der Taxischlange vor dem Pam Pam bezogen, als ein hemdsärmeliger Mann aus der Disco auf mich zu kam:

Kannst du meine Leute fahren, sind aber nur zu viert?!

„Ja, sicher!“

„Was kostet es nach Wilhelmshaven?“

Vollkommen unbeeindruckt erscheinend zückte ich meine Für solche Fälle angelegte Preistabelle, fand schließlich die Spalte mit den Orten Links der Weser und berichtete:

„€ 180,00, bis Ortsmitte!“

„OK, Moment, hier, das sollte reichen! Ich brauch aber ’ne Quittung!“

Wie gewünscht stellte ich den Beleg über € 180 aus, verstaute den Betrag zzgl. Bonus in meiner Börse und wartete auf seine „Leute“. Sie würden mir ihr Ziel nennen.

„Sum Sudstrade!“

Kurz angebunden, ohne mich anzuschauen, erteilte der Mann aus dem Fernen Osten, mit dem für diesen Abschnitt der Erde typischem Singsang in seiner Stimme, die Adresse.

Lässig tippte ich ins Handy die „Südstrasse“ ein. Da in Hagen das Netz sehr schwach auf der Brust ist, schlug ich die grobe Richtung  ein, fuhr los und harrte der Streckenführung aus der Naviweichware. Selbstverständlich kannte ich den Weg nach WHV auch ohne Hilfe aus dem Netz auswendig, doch wegen der Ausdehnung der Stadt am Jadebusen war es ratsam, das Ziel vorher anzuvisieren!

Kurz hinter dem Wesertunnel, so meine Erfahrung, würde ich mit technischer Unterstützung rechnen können.

„Zieladresse nicht gefunden!“

Etwas enttäuscht guckte ich auf das  Display, kontrollierte die Schreibweise, fand keinen Fehler.

Ich lehnte mich zurück, drehte meine Kopf nach Rechts, so, das ich die Straße gut im Auge behielt und nahm  Kontakt nach hinten auf. Es antwortete einer, der Englisch mit skandinavischem Akzent sprach. Die anderen drei, schliefen schon.

„We want to go to the Sudstrade, you know!?

SOUTHBEACH!“

Jetzt klingelte es bei mir und ich befragte das Navi erneut, „Südstrand“ eingebend….. und umgehend erschien eine Auswahl an Wegstrecken dort hin.

Der „Däne“ verlies uns am „Southbeach“, die Anderen mussten etwas weiter.

Der Weg führte uns über eine wunderschön ausgeleuchtete, wie ich vermute, historische Brücke. An jedem Ende mit einer Ampel und Kontaktschleifen versehen, kann sie immer nur in eine Richtung gleichzeitig überquert werden.

IMG_7200.JPGDiese Brücke ist das Wahrzeichen Wilhelmshavens, wie ihr hier nachlesen könnt. Im Hellen wirkt das Bauwerk weniger fragil, denn es ist ein beweglicher Stahlkoloss.

Alles in Allem war es eine gelungene Nachtfahrt und ich freue mich schon darauf, euch zu berichten, wie es dort am Tage ausschaut, sollte ich dorthin gebucht werden!

IMG_7202.JPG

Auf einmal Steinreich!

Sonntag Nachmittag im Cuxland. Die Zentrale hat nichts Besseres zu tun, als mir unentwegt Arbeit zu verschaffen. Ohne Skrupel hetzt sie mich von Dorf zu Dorf, hinüber in die Walachai und darüber hinaus!

Hin, über unendliche Kreisstrassen, zu entfernten Aussiedlerhöfen, letzten Endes an den Arsch, vom Arsch der Welt.

„Endlich was Leichtes!“, dachte ich mir, als ich den folgenden Auftrag las:

Foto 1

Stinstedt hat nur gefühlte 2 Straßen. Die Alte Schulstraße und die Ringstraße. Also frohen Mutes von der B 71 in die Alte Schulstrasse rein und nach dem Stein Ausschau halten.

Foto 2

Ihr könnt euch nicht ausmalen, wie verzückt ich war, als ich den Stein entdeckte! Nur, abbiegen war hier nicht möglich. Also, dieser Stein war es sicher noch nicht.

Hat nicht lang gedauert, da lauerte der Nächste am Strassenrand und da konnte ich sogar abbiegen.

Foto 3

Ich fuhr in die Straße hinein. Zu viele Häuser. Zwischenzeitlich hatte ich erfahren, das es sich um einen allein stehenden Hof handeln muss, hier fand ich den jedenfalls nicht!

Weiter die Straße hinunter….., ich nahm mir vor, den Steinen Namen zu geben, damit ich später wieder hier heraus finde!

Ich rief in der Zentrale an und bekam endlich den entscheidenden Hinweis! Die Bewohner hier hatten, weil sie sich ebenso wenig wie ich hier auskannten, schon vor Urzeiten, ihren Steinen Namen gegeben.

Ich solle den Stein namens „Geil“ suchen, da würde ich meinen Fahrgast finden!

geil

Da lag er nun so vor mir und wies mir den Weg!

Guter Rat. Gratis!

Es gibt ein paar Stammkunden, die können sich die Nutzung der Taxi-Dienstleistung eigentlich garnicht leisten.

An der Kleidung, dem Gebaren, dem Inhalt der Geldbörse oder vom eigenen Ausplaudern erkenne ich leicht Menschen, die, wie ich selbst, über kein Managergehalt verfügen können.

Da fühle ich mich steht’s berufen, den Betroffenen verschiedene Sparmodelle vorzuschlagen, um


a.) Kunden zu binden

b.) Sparen zu helfen

c.) Zufriedene Kunden zu haben.


Da ist der Lehrling, dem ich wochenlang wegen nicht gezahlter € 17 hinterherlaufe.

Die Mutter eines Teenagers, die mehr fürs Taxi bezahlt, als für den Einkauf, obwohl die Familie hartzt.

Der Säufer, dem immer erst Abends um 10 Uhr einfällt, das der Korn alle ist und auch das Rasierwasser schon geleert ist.

Alle haben nach eigenem Bekunden zu wenig Geld für die teuren Taxifahrten.

So weit kann ich das auch nachvollziehen, aber ich selbst würde mir kein „normales“ Taxi rufen. Das hat nichts mit Geiz zu tun, sondern mit meinem Budget! Ich rufe mir ab und an ein Sammeltaxi. Kostet wenig und ist genauso gut, weil mit identischen Fahrzeugen gefahren wird.

Und dazu rate ich meinen klammen Fahrgästen auch und dankbar für diese Beratung trennen sich unsere Wege.

Bis ich sie bei der nächsten „Barfahrt“ an unser Gespräch erinnere. Dann kommen die Ausreden, wie aus der Pistole geschossen, weshalb es gerade Heute nicht geklappt hat, mit der günstigen Alternative.


  • Es war immer Besetzt
  • Ich wusste nicht, das ich einkaufen wollte.
  •  Jemand sollte was mitbringen und hat es vergessen.
  • Ich hatte keine Zeit zu telefonieren.
  • Ich hatte keine Lust. Ist mir zu umständlich.
  • Ich bin zu faul!

Damit ich meine Klappe halte, schmeißen die dann immer mit reichlich Trinkgeld um sich, damit ich glaubte, die hätten „Es“!

Mein Hals schwillt dann immer ziemlich an, jedoch verkneife ich mir irgendwelche schlauen Belehrungen, bin schließlich nicht die Mutti der Nation. 

Meinen Glauben verliere ich trotzdem nicht, denn da gibt es tatsächlich Leute, die ich überzeugen konnte und jetzt für kleines Geld den Landkreis bereisen!